Prominente Menschenrechtsaktivistin (2024)

Von Jens Brüning·16.10.2005

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Seit 1987 befasst sich die Vortrags- und Gesprächsreihe "Berliner Lektionen" mit dem politischen und kulturellen Wandel in unserer Zeit. Die diesjährige Reihe zu den Themen Krieg und Menschenrechte wurde von Bianca Jagger eröffnet. Sie beklagte in ihrem Vortrag den Verfall der Ideale der Aufklärung in den westlichen Demokratien und eine Verschiebung der sicher geglaubten Koordinaten des Internationalen Rechts nach dem 11. September 2001.

Seit fast drei Jahrzehnten kämpft Bianca Jagger für die Menschenrechte. Diese Mission erwuchs aus ihrer Herkunft. 1945 geboren in Nicaragua, erlebte sie Diskriminierung und Unterdrückung. Für ihren weiteren Lebensweg war das Studium in Paris von großer Bedeutung.

" Ich verließ meine Heimat mit einem Stipendium der französischen Regierung für ein Politik-Studium. Ich kam an einem 14. Juli in Paris an, dem Unabhängigkeitstag. Wie passend für eine junge Idealistin. Freiheit und Gleichheit waren Begriffe, von denen wir im Nicaragua der sechziger Jahre nur träumen konnten. In Paris entdeckte ich schließlich den Wert von Freiheit und Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Respekt für die Menschenrechte. Mir erschien Europa als Paradies der Aufklärung."

Anfang der achtziger Jahre engagierte sich Bianca Jagger für Kriegsopfer und Menschenrechte. Sie reiste unter anderem nach Honduras, wo sie Augenzeugin einer Geiselnahme durch Todesschwadronen aus San Salvador wurde. Die bewaffneten Horden aus dem Nachbarland verschleppten Männer aus einem Dorf. Jaggers Reisegruppe und einige Dorfbewohner entschlossen sich zur Verfolgung.

"Wir waren sehr viele. Sie hätten sehr viele Leute töten müssen, und einige von uns würden entkommen, dachten wir. Aus unbekanntem Grund warteten wir, und die Todesschwadron ließ die Geiseln frei. So schrecklich dieses Erlebnis für mich auch war, es wurde zu einem Wendepunkt in meinem Leben. Bei einem möglichen Mord dabei zu sein, machte mir klar, dass die Todesschwadron die Geiseln ohne weiteres umgebracht hätte, wenn keine ausländischen Beobachter, von denen sie dachten, es wären Amerikaner, dort gewesen wären."

Seit diesem einschneidenden Erlebnis hat sich Bianca Jagger in den Dienst von Menschenrechtsorganisationen gestellt. So ist sie um Beispiel Sonderbotschafterin der Europäischen Union zur Abschaffung der Todesstrafe. In dieser Mission ist sie auch viel in den USA unterwegs. Am 11. September 2001 war sie in New York. Der Angriff auf das World Trade Center verursachte auch bei Bianca Jagger einen Schock.

" Ich war wie Millionen Menschen weltweit schockiert und empört über diesen Akt verruchter Barbarei. Das war ein Verbrechen gegen die Menschheit. Ich teile das Leid der Familien und Freunde der Opfer und ihr Gefühl des Verlustes und ihren Ruf nach Gerechtigkeit. In dem Augenblick wollte ich verstehen, warum es so viel Feindschaft gegen die Vereinigten Staaten gab. Ich wusste, dass wir diesem Hass die Wurzeln kappen müssen, und dass dieser Horror uns veranlassen sollte, über den simplen Wunsch nach einem Vergeltungsakt hinauszublicken."

Bianca Jagger hatte die Hoffnung, dass das Internationale Recht gegenüber Revanche und Rache obsiegen würde. Diese Hoffnung wurde enttäuscht.

" Leider hat Mr. Bush wie ein Sheriff aus einem Wildwest-Nest reagiert und dabei vergessen, dass man im Rahmen unserer Gesetze nicht einfach hergeht und jeden erschießt, der ein Verbrechen begangen hat. Aber selbst wenn wir uns sicher sind, dass jemand ein Verbrechen begangen hat, müssen wir uns an das rechtsstaatliche Verfahren halten. Als Premierminister Tony Blair in die Vereinigten Staaten reiste, um Mr. Bush zur Seite zu stehen, hätten er darauf bestehen müssen, dass die Angeklagten vor einen Internationalen Gerichtshof gestellt würden, und der Angriff des 11. September nicht als Kriegshandlung angesehen wird, sondern als "Verbrechen gegen die Menschheit", das definiert ist als "allgemeiner und planmäßiger Angriff gegen die Zivilbevölkerung mit Massenmord"."

Wie weit die einst sicher geglaubten Koordinaten des Internationalen Rechts inzwischen verschoben sind, erwähnte Bianca Jagger in einem mit ihrer Tätigkeit als Menschenrechtsaktivistin zusammenhängenden Ausblick.

" Morgen früh bin ich im britischen Oberhaus. Und ich bin dort, weil sie darüber debattieren, ob man es zulassen kann, an ein Gericht Informationen weiterzugeben, die durch Folter erlangt wurden. Das geschieht in Großbritannien! Haben sie je gedacht, dass es dazu kommen könnte?! Ich nicht"

Der Verfall der Ideale der Aufklärung in den westlichen Demokratien hat nach Jaggers Beobachtung fatale Auswirkungen.

" Heutzutage zitieren repressive Regimes weltweit gern das amerikanische Beispiel. In Russland, China, Ägypten, Libyen, um nur einige Länder zu nennen, beobachten wir ein opportunistisches Vertrauen auf den amerikanischen "Krieg gegen den Terrorismus", um undemokratische Politik zu rechtfertigen. Um ein Beispiel zu zitieren: Der frühere Präsident von Liberia, Charles Taylor, verhaftete Journalisten, die sein Regime kritisiert hatten, und nannte sie zynisch "feindliche Kombattanten"."

Bianca Jaggers Resümee ist nicht sehr positiv.

" Während der mehr als zwanzig Jahre meiner Kampagne zum Schutz der Menschenrechte in Lateinamerika, Bosnien, im Kosovo, in Asien und den USA bin ich zu der traurigen Erkenntnis gekommen, dass Menschen vor dem Gesetz nicht immer als gleich angesehen werden. Dass ihre Hautfarbe, ihr Stand, ihr Glaubensbekenntnis Einfluss darauf haben, wie das Recht angewendet wird. Das ist heute deutlicher, als je zuvor. Ich hoffe, dass wir gemeinsam alles in unserer Macht stehende tun, um das zu beenden. Vielen Dank. "

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